City Scan

Hörbild einer Stadt


Kurzinformationen:

Musik: Klaus Schedl
Texte und Titel: Ulrich Rüger
Besetzung: Klarinette: Heinz Friedl; Schlagzeug: Jürgen Schneider; Live-Elektronik: Ulrich Müller; Mezzosopran: Mafalda de Lemos

Zur Besetzung

Veranstaltungsort:

Uraufführung:

Münchner Kammerspiele/Werkraum


City Scan

City Scan

Hörbild einer Stadt

Die Stadt hat ihren Eigenklang. Bewusst registrieren wir ihn wohl nur, wenn wir uns als Fremde zum ersten Mal in ihr bewegen, und auch dann nehmen wir ihn nur in Bruchstücken wahr. Das Grundtempo, der Puls jeder Stadt schlägt anders, ihr Sprachgemisch klingt eigen, die Straßen, Bahnen, Signale, die Ankündigungen der Spiritualität, der Hall und Widerhall – und selbst die Rückzugsgebiete der Stille, sie alle haben in jeder Stadt ihren spezifischen Klang. Wie kommt man ihm in seinen Zusammenhängen nahe? Klaus Schedl, Münchener Komponist, startet derzeit eine Forschungsarbeit – als Komposition. Sein Hörbild der Großstadt verlässt sich nicht, wie einst die Symphonie einer Großstadt, hauptsächlich auf Visuelles. Schedl bleibt im Medium der Musik, er entwirft ein Hörbild. Eine ganze Reihe soll aus City Scan werden. Sie beginnt in Schedls Heimatstadt München, die ihm kürzlich das Projektstipendium Musik / Neue Medien verlieh und damit die Finanzierung des City-Scan-Pilotprojekts ermöglichte.

Sein Verfahren: Die Stadt wird zunächst in ihren vielen Schichten und Ebenen studiert und eingelesen. Schedl selbst spricht von „Vermessung“. Er nimmt kennzeichnende Klänge und Klangbilder aus verschiedenen Situationen des Stadtlebens auf: Gespräche, Rufe, Straßen, Kreuzungen, Bahnen unten und oben, Hallen, Kneipen, Schulen, Glocken, Baustellen, Musik der Stadt vom Festplatz über die Gaststätte bis zu den Sälen der Hochkultur und vieles andere mehr. Er bringt die Geschichte der Stadt zum Klingen, bezieht Dokumente einschneidender Ereignisse der Münchner Vergangenheit in sein Material ein, die Olympischen Spiele 1972, die Bombardierungen im Krieg, die Auf- und Einmärsche rund um die Naziherrschaft; er ergänzt sie um Ausschnitte aus Münchens reichem, weitem musikhistorischem Panorama, das nicht erst mit Orlando di Lasso anfing, nicht mit Richard Strauss endet und sich heute in ein reiches Spektrum auffächert. Er fährt die Wege der Stadt nach, die offenen – Straßen, Trottoirs, Bahn, Bus, die verborgenen – Wasserversorgung, Abwasserentsorgung, Elektrizität, geheime Tunnel, und gewinnt daraus Abläufe, die, zeitlich komprimiert, zur musikalischen Verlaufsgestalt werden können. Aus diesen Aufnahmen erstellt er Samples. Sie bilden das Material, in gewisser Weise die „Themen“ der Komposition.

Die Samples stellt er in einen Computer, dort sind sie einem Programm zugänglich, das Schedl selbst entwickelte. So können sie vielfach verarbeitet, kombiniert, komprimiert, gedehnt, ausgedünnt, fragmentiert, gefiltert werden. Nur selten wird man sie in ihrer Ursprungsgestalt hören. Manchmal werden sie in eine völlig neue Existenz mutiert. Wie sie aber verwendet und verarbeitet werden, darüber entscheiden die Städter mit, die Besucher ebenso wie die Bewohner oder Teilzeitresidenten (wenn sie wollen). Schedl befragt Menschen, die sich in der Stadt bewegen, nach ihren Erfahrungen, Meinungen, Vorstellungen, Hoffnungen. Aus den Ergebnissen gewinnt er Modi für die Bearbeitung des Ursprungsmaterials. Vereinfacht beschrieben: Aufgenommen sind beispielsweise Schritte auf einem Gehweg. Die Frage, worin seiner Meinung nach Trottoirs am besten gebaut werden sollten, beantwortet jemand mit „Holz“. Der Schritte-Sampler wird nun durch das Computerprogramm mit verschiedenen Klangfarben von Holz – schlagartige, wohlklingende (wie bei einer Marimba), dröhnende (wie in einer Holzbox), reflektierte (wie in einem getäfelten Raum) etc. – verbunden. Was so gewonnen wird, kann vielfach übereinander gelagert, kombiniert, versetzt, gedehnt, beschleunigt, gefiltert werden. Würde jemand wünschen, man solle die Gehwege mit Flaschen pflastern, dann ergäbe die Antwort verschiedene Arten von Glastönen und -geräuschen. Je mehr verschiedene Antworten eingehen und vom Computerprogramm eingearbeitet werden, desto größer sind Auswahl und Kombinationsmöglichkeiten. Wie sie konkret gewählt werden, entscheidet einerseits das Programm, andererseits und letzten Endes aber der Komponist. Das Computerprogramm dient ihm als Partitur und als Instrument.

So lässt sich ein vielfältiges, abwechslungsreiches, beliebig komplexes elektronisches Hörbild entwickeln. Klaus Schedl bezieht aber darüber hinaus Live-Musiker mit ein. Sie haben eine notierte Partitur (in einer Art Kurzschrift), imitieren Abschnitte, Gesten aus den Samples, variieren sie, entgegnen ihnen und bringen neues Material mit ins Spiel. Ein Trommelschlag, live ausgeführt, wirkt anders als einer, der vom Lautsprecher kommt. Nicht anders verhält es sich mit Aktionen von Stimme und Klarinette. „Musiker“, sagt Klaus Schedl, „sind oft auch klüger als ein Programm“. Spontaneität, die Anspannung, die bei jeder menschlichen Interaktion entsteht, will er in seiner Werkreihe über die Städte beteiligt wissen. Die Musiker verlassen die klassischen Spielweisen ihrer Instrumente, auch die Sängerin agiert nicht in traditionell vertrauter Art, sondern nutzt alle Möglichkeiten ihrer Stimme – auch als Virtuosin des Körperklangs. So funktioniert City Scan auch als poetische Versuchsanordnung. Die Kooperation der verschiedenen Komponenten im elektronischen Medium erfahren Sie im Resultat, die Interaktion der Musiker miteinander und mit der Elektronik aber erleben Sie mit. „Meine Hoffnung ist“, so Klaus Scheidl, „dass City Scan dazu anregt und verhilft, die Stadt im Kopf gleichsam nachzubauen.“ Dem City Scan: München werden dann weitere Hörbilder von anderen Städten folgen.

Komponist

Klaus Schedl

Bild des Komponisten: Klaus Schedl

Klaus Schedl

1966 geboren, studierte bei Hans-Jürgen von Bose in München. Er komponierte Solowerke, Kammer-, Vokal- und Orchestermusik und Werke für das Musiktheater. Der Mitbegründer und langjährige künstlerische Leiter des Ensembles piano possibile erhielt zahlreiche Auszeichnungen: u. a. den Kompositionspreis der Stadt Detmold, das Förderstipendium der GEMA-Stiftung und 2009 den Musikförderpreis der Landeshauptstadt München. 1997-99 lehrte er an den Konservatorien Coimbra und Viseu in Portugal. Danach lebte er in London und mit einem IRCAM-Stipendium in Paris. Seitdem beschäftigt er sich intensiv mit Möglichkeiten elektroakustischer Musik. Zentraler Gedanke von Schedls Werk ist eine zeitgenössische Musik, die sich unmittelbar äußert und assoziativ sowie emotional wirkungsvoll ist.

Informationen

Besetzung & Credits

Besetzung


Konzept und Musik: Klaus Schedl
Texte und Titel: Ulrich Rüger
Besetzung: Klarinette: Heinz Friedl; Schlagzeug: Jürgen Schneider; Live-Elektronik: Ulrich Müller; Mezzosopran: Mafalda de Lemos
Produktionsleitung: Philipp Kolb
In Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk 

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