Die Quelle


Kurzinformationen:

Musik: Lin Wang
Bühne: David Schnell
Text: Can Xue und Lin Wang
Musikalische Leitung: Alexander Liebreich
Regie und dramaturgische Beratung: Andreas Bode

Zur Besetzung

Veranstaltungsort:

Uraufführung:

Gasteig/Carl-Orff-Saal

Weitere Vorstellungen:
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Die Quelle

Die Quelle

Die Geschichte ist von heute. Doch Die Quelle bietet kein realistisches Theater aus dem aktuellen China, auch keine modernisierte Peking- oder Kanton-Oper. Lin Wangs Musiktheater stellt Fragen: nach den Bewegungen des Denkens und der Empfindungen, nach dem, was eben erst ans Bewusstsein dringt, sich großenteils noch im Verborgenen hält, aber desto kräftiger wirkt, nach Herkunft, Identität und Zukunft. „Suche“ ist ein zentraler Begriff in ihrem Denken und ihrer Ethik. Sie fragt nach Lebensentwurf, Lebensgefühl, Lebensziel und damit auch nach dem, was darin an Geschichte, Fantasie und Erfahrung mitschwingt. In ihrer Oper verfließen Gegenwart und Vergangenheit, Erlebtes, Erinnertes, Geträumtes, reale Welt, Mythen und Märchen ineinander. Außen- und Innenwelt korrespondieren zum Teil aufs Heftigste.

Im Zentrum steht Jian-Yi, eine moderne junge Frau, Mitte dreißig. Künstlerin ihrem Anspruch, ihrem Beruf nach Chefsekretärin in einem international operierenden Großunternehmen. Ihr Name charakterisiert ihr Wesen: „Im Chinesischen bedeutet ‚Jian’ stark und ‚voller Energie’, ‚Yi’ dagegen ‚elegant’ und ‚schön’. In diesen beiden Worten und ihrer Kombination ist die Persönlichkeit dieser Frau umrissen.“ Jian-Yi wohnt etwas außerhalb der Großstadt im Haus bei einem alten Ehepaar, Künstlern der Großeltern-Generation. Sie erwarten von ihr mehr Beflissenheit und Strebsamkeit; mit der Lebensauffassung ihrer Mieterin kommen sie nicht zurecht und wollen sie daher lieber heute als morgen loswerden. So beginnt Die Quelle. Am Ende aber wenden sich „Landlord“ und „Landlady“ an Jian-Yi: „Von heute an bist du die Eigentümerin unseres bescheidenen Heimes. Und wir werden uns aus dieser Welt für immer zurückziehen.“ Jian-Yis Bitte, sie möchten doch bleiben, sie würde eine gute Zeit zusammen verbringen, beantworten sie: „Wir hatten mit dir bereits eine gute Zeit!“ Was sich zwischen den Antagonismen des Anfangs und der versöhnlichen Perspektive des Endes zuträgt und zum Sinneswandel der Kontrahenten führt, das eigentliche Musikdrama also, lässt sich in den groben Zügen einer Inhaltsangabe nicht darstellen. Es entsteht aus dem Zusammenspiel von Konflikten, die aus der rasanten modernen Entwicklung aufbrechen, aus blockierter und befreiter Erinnerung, aus Märchen und aus Symbolen, die in der fiktionalen Literatur, in der Natur- und Traumdeutung ihren angestammten Platz haben.

Das Libretto für Lin Wangs Oper beruht auf einer Erzählung der chinesischen Dichterin Can Xue. „Ich wählte Can Xues Erzählung Shuangchong de shenghuo für meine Oper wegen der unerklärlichen Kraft, die sich in ihrer schattenhaften, geheimnisvollen Sprache ausdrückt, und nach der ich mich sehnte. Diese Kraft kommt aus dem Suchen. Bildlich gesprochen ist es die Suche am Heimatort nach dem Ursprung der Quelle; es ist die Suche nach der Richtung, in der das Quellwasser fließt; es ist die Suche nach dem Augenblick, in dem sich der Strom aus der Quelle in die See ergießt; und es ist die Suche danach, wie mich dieser Augenblick berührt. Das Suchen nach der Wahrheit ist weit wichtiger als diese selbst. Das Suchen ist die Tätigkeit des Künstlers.“

Dichterin und Libretto   

Can Xue lebt sehr zurückgezogen. Sie stammt aus der Provinz Hunan. Außer mit den chinesischen Traditionen beschäftigte sie sich lesend, bedenkend und übersetzend mit Symbolismus, Expressionismus und Surrealismus, mit Literatur aus Europa, Nord- und Südamerika. In ihren Texten durchkreuzen sich der scharfe Blick auf die Gegenwart, Erinnerungen, Zeugnisse der Vergangenheit, Zeichen, Symbole, Visionen und Naturbilder. Wie Pflanzen seien ihre Werke: „Ideen wachsen im Westen heran, ich grabe sie aus und versetze sie in den tiefen Grund der langen chinesischen Geschichte. Meine Werke sind weder wie die aus dem Westen noch wie chinesische Werke, sondern meine eigene Schöpfung.“ Can Xue schreibt in einer radikalen Subjektivität, die allein die ihre ist. Dennoch: In ihren Werken werde die Welt transparent, betont Lin Wang.

„Can Xues Schreiben setzt dort ein, wo Denken und Wahrnehmung aufhören. Sie schreibt über die Welt und über die Zeit, über den Tod, bis das Leben wieder beginnt. Ich kann nicht anders, als diese Rätsel auf meine Weise zu lösen oder zu beschreiben. Ihre Erzählungen beeindruckten mich unmittelbar. Es ging mir dabei wie häufig beim Lesen bedeutender Literatur. Man versteht beim ersten Mal nur einen geringen Teil. Auch beim zweiten, dritten und vierten Lesen bleiben viele Geheimnisse bestehen. Aber man merkt: Diese Dichtung hat dir etwas zu sagen, sie trifft dein Denken und Suchen im Innersten. Ich fühlte mich dadurch als Komponistin angesprochen und herausgefordert. Deshalb beschloss ich, Kontakt zu Can Xue zu suchen.

Das ist nicht einfach. Sie scheut die Öffentlichkeit. Ihre Anschrift und Telefonnummer kennen nur Menschen, denen sie vertraut. Sie ist eine zu eigenartige und eigenwillige Frau. Sie um die Verwendung eines Textes für das Musiktheater zu bitten, bedeutete ein Wagnis, denn sie arbeitet vollkommen für sich. Nie zuvor hatte sie die gemeinsame Arbeit mit einem anderen Künstler auch nur erwogen.

Die Figuren dieser Oper sind als Metapher zu verstehen. Jianyi’s Persönlichkeit wird als dominierende Kraft auf mysteriöse Art in jedem Charakter reflektiert. Der rote Faden von Can Xue’s eigenwilligem Werk ist die Menschlichkeit. Die Kreation dieser Oper ist auch eine Selbst-Analyse unserer Seelen. Jeder Charakter spiegelt einen Teil des Selbst, und je tiefer wir es untersuchen desto komplexer und aufregender wird es. Jian-Yis Ziel als Künstlerin, schreibt Can Xue, besteht darin, das Äußerste zu tun, um die verschiedenen Teile ihres Selbst in der Grundschicht ihres Wesens zu vereinen.“

Diese Suche ist, so Lin Wang, das Wesen und Bestreben aller Kunst, sie zeichnet jeden Künstler aus. Vielleicht förderten ihre spezifischen Erfahrungen solche Erkenntnis. Lin Wang studierte in ihrer Heimat China und in Europa, sie kennt westliche und östliche Kultur und weiß, dass sich beide nicht durch einen Willensakt kurzfristig verschmelzen lassen. Der Katalysator künstlerischer Synthese heißt: rückhaltlose Individualität. Integration ist vor allem eine Leistung des Einzelnen.

Klangsprache

Die Ästhetik der Postmoderne, die das polystilistische Nebeneinander in jeder denkbaren Spannweite erlaubt, erschien Lin Wang für ihr Musiktheater ungeeignet. Sie aktiviert den weiten Musikbegriff der Moderne. Zur Kunst taugt alles vom Geräusch bis zu klassisch entfalteten oder verfremdeten Tongebilden. Mikrointervalle haben darin ebenso ihren Platz wie Mehrklänge, die auf einem Blasinstrument durch besondere Griff- und Ansatztechnik erzeugt werden, aber auch die expressive vokale oder instrumentale Einstimmigkeit. Die Ausdrucksformen der menschlichen Stimmen reichen vom Sprechen über den kunstvollen Gesang bis zu Lauttexturen, die fast instrumental wirken. Worte aus der realen Sprache stehen neben dem Gesang auf Tonsilben, die wie Fantasie-Sprache anmuten. Der Operntext wird zwar in Englisch vorgetragen, aber mit chinesischen Vokal-und Satzmelodien. Akribisch genaue wird bisweilen durch suggestive Notation bis hin zur Improvisationsaufforderung abgelöst, der kreative Selbsteinsatz der Interpreten ist gefragt. Manche Klangfelder sind aus den Personen oder der Szenerie entwickelt, eines etwa, das wie eine instrumentale Vervielfachung des notorischen Landlord-Hustens wirkt, ein anderes, das mit seinen springenden und schwingenden Figuren der Quelle entspricht, oder ein kapriziöses, das man mit Jian-Yi verbinden kann. Lin Wangs Klangsprache ist von heute, sie ist avanciert, aber auf Unmittelbarkeit gerichtet.

Mit der chinesischen Mundorgel Sheng und der chinesischen Zither Zheng bezieht Lin Wang zwei Instrumente mit langer Tradition ein – nicht als folkloristische Gäste, sondern mit Techniken, die über das traditionelle Spielen hinausgehen. Über weite Strecken ist der musikalische Satz sehr durchsichtig gehalten. Der kammermusikalische Ton lässt den Dialogcharakter des Werkes plastischer hervortreten. Vier Instrumente erhalten hervorgehobene Rollen: die Klarinette (im Wechsel mit dem Saxophon), die Mundorgel Sheng, die Zither Zheng und das Violoncello. Die ersten beiden übernehmen sogar ausgedehnte Soli und werden vorübergehend zum Protagonisten neben Sängern und Schauspielern, gleichsam als Gegenbild der Stimmakteure. Diese lose Verbindung findet ihre Entsprechung in der Szenerie.

Sichtbare Zeichen

In bestimmten Momenten des Werkes wird der Spiegel zum entscheidenden Requisit, als Medium der Selbstbetrachtung, als Gegenstand, der Unsichtbares publik macht, und über den Unerwartetes gleichsam hinter dem Rücken einstrahlt: grelles Licht, das Bild eines Löwen.

„Er hat symbolische Bedeutung. Im Sinne des Zen ist die Kunst ein Spiegel. Wenn man das Kunstwerk betrachtet, sieht man sich selbst darin. Aus diesem Grund ist in jedem ein Künstler verborgen. Menschen können Kunst um ihrer selbst willen schaffen, sie können aber auch ihr Leben in Kunst verwandeln. Das Beispiel der Heldin zeigt, dass auch schreckliche Verluste irgendwann einmal ausgeglichen werden können.“

Wie andere Gegenstände etwa in der Kostümausstattung stellt er dezente Verbindungen zwischen den Handlungsebenen her. Denn die Figuren agieren unterschiedlich nahe an der Oberfläche des direkt Erlebbaren. Jian-Yi ist ihr als zentrale Figur des Dramas am nächsten. Andere – das Hausbesitzerpaar, der Metzger als vulgäres und darin wiederum anziehendes Gegenbild Jian-Yis (sie erlebt ihn als den Holzfäller, den sie aus ihren naturverbundenen Kindertagen kennt), der Boss, der Jian-Yi zu Höchstleistungen und zu heftigen Ausbrüchen provoziert, schließlich die nahezu sprachlosen Rollen eines Löwen und einer weiß gekleideten Frau – rühren an die tieferen Schichten der Menschen- und Künstlerexistenz.

In der Idee der Quelle treffen sich die verschiedenen Ebenen. Sie ist Realität und Sinnbild zugleich. Ihr Versiegen und Wieder-Aufspringen werden zum Symbol des Prozesses, in dem Leben entsteht, gefährdet, verspielt, verloren und wieder gewonnen wird, zum Symbol auch dessen, was wir Identität nennen. Ein Frosch hat in Can Xues Text das Passwort, das Zugang zu ihr schafft – für Jian-Yi Zugang auch zu ihrer Kindheit, in der sie zum ersten Mal eine Quelle ausgrub und erfuhr, dass aus ihr ein sprudelnder See entstehen könnte. Mit der Erinnerung aber gewinnt sie die Klarsicht in die Zukunft. Nicht die äußere Handlung entscheidet, sondern das, was sich in den Personen zuträgt. Lin Wang bringt das Drama der Bewusstwerdung und der existenziellen Suche mit den Mitteln modernen Musiktheaters einschließlich Projektionen auf die Bühne.

„Beim üblichen Opernbesuch betrachtet das Publikum eine Geschichte über andere Personen. Es bleibt Beobachter. Dieses Oper fordert alle, Regie, die Darstellenden auf der Bühne, die Musiker und das Publikum dazu auf, die passive Rolle zu überwinden, das eigene Selbstbewusstsein in Frage stellen zu lassen“.

Komponist

Lin Wang

Bild des Komponisten: Lin Wang

Lin Wang

1976 in Dalian geboren, studierte 1996–2001 am Zentralen Konservatorium in Peking. 1998 war sie Preisträgerin in Maki Ishiis japanisch-chinesischem Wettbewerb, 2000 beim NLCC Twentieth Anniversary Choral Composition Prize in Großbritannien. 2002 setzte Lin Wang ihr Studium bei Theo Brandmüller, Chaya Czernowin und Detlev Müller-Siemens in Saarbrücken und Wien fort. Sie hat mit zahlreichen renommierten Ensembles und Orchestern zusammengearbeitet. Für ihre Kompositionen wurde sie .a. mit dem Gaudeamus, dem DAAD und dem Isang Yun Preis ausgezeichnet. Neben dem Komponieren arbeitet sie derzeit mit anderen Autoren an einem Buch über die Kultur in China seit 2000.

Informationen

Besetzung & Credits

Besetzung


Bühne: David Schnell
Musik: Lin Wang
Text: Can Xue und Lin Wang
Englische Übersetzung: Karen Gernant und Chen Zeping
Musikalische Leitung: Alexander Liebreich
Regie und dramaturgische Beratung: Andreas Bode
Kostüme: Gwendolyn Jenkins
Dramturgie: Hans-Georg Wegner
Licht: Andreas Grüter
Jian-Yi: Steffi Lehmann, Sopran
Landlady: Barbara Buffy, Mezzosopran
Frosch, Löwe: Bernhard Landauer, Countertenor
Landlord: Loren Lang, Bass-Bariton
Boss: Christian Hübner, Bass
Lao-Mei: Uwe Kramer, Schauspieler
Ein Mädchen: Anna Antonia Fraser, Hannah Bobek

Solisten: Wu Wei, Sheng Xu Fengxia, Sanxian und Guzheng
Münchener Kammerorchester
Violine 1: Daniel Giglberger, Konzertmeister
Violine 2: Rüdiger Lotter
Bratschen: Kelvin Hawthorne, Stimmführer
Violoncelli: Olivier Marron*
Kontrabass: Onur Özkaya
Flöte (auch Piccolo/Altflöte/Bassflöte): Isabelle Soulas*
Oboe (auch Englisch-Horn): Vilem Veverka*
Klarinette (auch Bassklarinette): Stefan Schneider*
Saxophon (Sopran/Alt/Tenor): Hermann Rid*
Fagott (auch Kontrafagott): Tonko Huliev*
Horn:  Saar Berger*
Trompete: Rupprecht Drees*
Posaune: Uwe Schrodi*
Klass. und elektr. Gitarre: Harald Lillmeyer*
Harfe:  Marlis Neumann*
Klavier:  Julian Riem*
1. Schlagzeug: Philipp Jungk*
2. Schlagzeug: Alexander Glöggler*
* als Gast
Studienleitung und musikalische Assistenz: Márton Terts
Regieassistenz: Katharina Fritsch
Ausstattungsassistenz: Katja Fritzsche
Inspizienz: Peter Mischke
Aufführung in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsrechte: Eigenverlag
Kompositions- und Librettoauftrag der Landeshauptstadt München zur Münchener Biennale
Koproduktion: Münchener Biennale und Theater Bremen in Zusammenarbeit mit der EXPO 2010 Shanghai und dem Goethe-Institut

(Logo Theater Bremen)
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